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Home Länder und Geschichten Island Per Anhalter dem Himmel so nah

Per Anhalter dem Himmel so nah

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"Oh my God, I don't want to stay the night here."  (Agnieszka, Polen)

 Paulina und ich nicken und beißen die Zähne aufeinander. Es ist windig und kalt.

Wir stehen mit unserem Gepäck auf einem kleinen Parkplatz, umgeben von einer riesigen Mondlandschaft. Kein Haus, kein Auto. Keine Menschenseele weit und breit. 

Werden wir morgen erfroren sein? Werden wir auf einem Lavafeld sterben?

 

Der Leser wird sich jetzt fragen, wie die drei Herrschaften überhaupt an diesen Platz kommen.

 Wie es dazu kam: Die Vorgeschichte

Ganz einfach: Ich selbst bin am Tag zuvor in Akurery gewesen, der zweitgrößten Stadt Islands und habe dort mit meinem französischen Freund Samuel einen Tag verbracht, am nächsten morgen trennten wir uns. Er musste nach Westen, zum Flughafen in Reykjavik, ich zur Fähre in Seydisfjördur, im Osten des Landes.

Um Akurery ist noch etwas mehr Verkehr, ich habe Glück: Nach kurzer Zeit am Straßenrand stoppt ein Wagen mit einem freundlichen älteren Herrn, der auf dem Weg zu einer Baustelle ist. Er ist im Straßenbau tätig und beaufsichtigt ein paar Bauarbeiter. In einem kleinen Dorf am "Myvatten", einem urigen See inmitten der unendlichen Kraterlandschaft, passieren wir zwei Anhalterinnen, bevor wir kurz bei einem Bekannten von ihm stoppen, wo er etwas abgeben muss. Ich nutze die Zeit um zur Straße herunterzulaufen und die beiden, Agnieszka und Paulina aus Breslau, wie ich später erfahre, zu fragen, wo sie hin wollten. "Ach, auch nach Seydisfjördur? Na dann steigt mal ein. Aber fragt den Fahrer vorher besser mal.".

Kurze Zeit später sitzen wir dann zu viert im Auto. Unser Fahrer dreht die Country-Musik auf volle Lautstärke und lächelt: "Besser als das Pfeiffen des Winds draußen!". So vergeht die Zeit wie im Flug - bald schon sind wir an der Abzweigung angekommen, wo sich unsere Wege trennen und wir in der Wildnis "ausgesetzt" werden.

 Irgendwo im Nirgendwo

"Hmm, ich glaube, es fängt gleich an zu regnen", sage ich zu meinen Gefährtinnen. "Das fehlt uns noch. Es ist auf jeden Fall arschkalt.", klagt Paulina, Agnieszka reicht uns ein Toastbrot mit Ketchup und Käse - für mich eine ganz neue und leckere Kreation, die ich an dieser Stelle unbedingt unseren Lesern empfehlen muss. Wink

Nach 30 Minuten immer noch kein Auto. "Sollten wir vielleicht ein Gebet sprechen?!", überlege ich laut.

In diesem Augenblick taucht etwas am Horizont auf, wir laufen erleichtert zur Straße. Als das Gefährt näherkommt, stellen wir fest, dass es ein Doppeldeckerbus ist. "Der nimmt uns sicher nicht mit!", seufzt Agnieszka.

Als das Gefährt noch näher kommt, können wir die Aufschrift lesen. "Oh mein Gott, das ist der Jesus-Bus, der verfolgt uns, der stand gestern schon am Myvatten bei dem Gästehaus, wo Agnieszka und ich arbeiten! Lieber zelte ich hier!", ruft Paulina aus. "Live life to the fullest, follow Jesus." und "Jesus is alive, he will return" - es klingt wie eine Drohung, was in weißen Lettern auf diesem Bus steht.

Am Steuer ein älterer Herr mit roter Jacke.

Wir trauen unseren Augen nicht, als der rechte Blinker aufleuchtet und der Bus auf unseren verlassenen Parkplatz fährt. "Was macht dieser Mensch hier alleine mit dem Bus in der Wildnis? Wartet der auf eine Gruppe Pilger, die hier gleich über die Berge kommen?" - ich schaue die anderen verwirrt an, aber sie wissen auch keine Antwort.

 "Sollen wir vielleicht mal herüber laufen und ihn fragen, ob er uns mitnimmt?", schlagen die Mädchen vor. "Na, ich weiß nicht.... Geht ihr mal fragen. Ich warte hier an der Straße und versuche Autos anzuhalten, falls mal ausnahmsweise welche kommen."

"This is a church."

Bruder Clifford Edwards winkt uns zu sich in den Bus. "This is a church.", sagt er ganz beiläufig - in der Hand hält er ein Glas mit Schraubverschluss. "Frische Blaubeermarmelade. Habe ich gestern erst gemacht.", sagt er nicht ohne Stolz.

Nachdem wir uns mit heißem Kaffee und Marmeladenbrot gestärkt haben, setzt Clifford sich ans Steuer, zündet sich eine Zigarette an, kramt eine verstaubte Kassette heraus, legt sie ein, über das Lautsprechersystem des Busses ertönt Musik. "Ja, das bin ich auf der Kassette. Früher war ich einmal Sänger.", sagt er und in seinem Gesicht zeichnet sich ein verschmitztes Lächeln ab.

"Ihr könnt euch frei im Bus bewegen. Genießt einfach die Fahrt, besonders schnell kommen wir mit diesem Gefährt ohnehin nicht vorwärts. Aber wenn die gefährliche Bergstraße kommt, müsst ihr sitzen bleiben, bis ich euch wieder erlaube, euch zu bewegen. Keine Angst, ich kenne die Straße sehr gut."

Ob er öfter Anhalter mitnimmt, frage ich. "Das kommt schon ab und zu mal vor. Weißt du, man muss einfach Christ sein und nicht ständig darüber reden!".

Aus Manchester komme er, erzählt er uns weiter. Der Bus ist seit 12 Jahren sein Zuhause. Er sei schwer krank gewesen, konnte sich kaum bewegen, nicht mehr schreiben und lesen. Seine Tage waren gezählt. Er fing an, zu Jesus zu beten - und er ist wieder gesund geworden.

Cliffords Geschichte und Kontaktmöglichkeiten

Impressionen

 

 

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