Einkaufen war nicht gerade sein Hobby, aber an diesem verregneten Novembertag hat es Timo in eines der größten Einkaufszentren der Stadt verschlagen. In diesem Geschäft gibt es scheinbar alles, was der Mensch braucht und vorallem auch alles, was der Mensch nicht braucht. Timo ist schon seit seiner Kindheit nicht mehr dort gewesen. Damals hatte er seine Mutter begleitet, wenn sie sich neu einkleidete und geduldig in der Kinder-Spielecke auf sie gewartet.
Die Bauklötze dort scheinen immer noch die selben zu sein wie früher - aber die Kinder, die dort spielen, sind nicht mehr in seinem Alter. Timo beobachtet die beiden Jungen von etwa drei Jahren, die fröhlich auf dem Teppichboden umherrobben und fühlt sich in seine Kindheit zurückversetzt. Eifrig stapeln die beiden Klotz um Klotz aufeinander zu einem Turm. Staatsmännisch bäumt sich der eine der Jungen neben seinem Turm auf und stellt stolz und mit bestimmender Stimme fest, dass sein Turm größer und mächtiger als der des anderen ist. Draußen hagelte es ja schon seit einer guten halben Stunde, als auch innerhalb der Kinder-Spielecke ein grober Hagel aus Bauklötzen nieder geht. Die noch eben majestätischen trumpfenden Bauwerke sind majestätisch gewesen und liegen jetzt zerstört am Boden. Rangelei, Gezeter, Geschrei und Tränen - Mama kommt herbeigeeilt, tröstet ihre beiden "Engel", nimmt sie ans Händchen und entfernt sich aus Timos Blickfeld.
Die Spielzeugabteilung ist heute gut besucht. Offensichtlich wollen Eltern ihren Kindern etwas gutes tun, wundert sich Timo, wenn sie ihren Kindern Plastikpistolen oder andere Nachbildungen von Waffen aller Art zu Weihnachten schenken. Ob diese Eltern damit vielleicht sogar selbst spielen, wenn der Horrorfilm, den sie am Samstagabend nachdem sie ihren Nachwuchs ins Bett gebracht haben aus der Videothek ausgeliehen haben, ihre Sucht nach Macht und Dominanz über schwächere nicht befriedigt hat? Eine Polizeistation, ein Piratenschiff und eine Ritterburg weisen Timo dezent darauf hin, dass unsere Welt ohne Kriminalität, Kampf und Krieg ziemlich langweilig wäre.
"So ein Fall ist mir während meiner Amtszeit noch nicht untergekommen. Ich werde dafür Sorgen, dass dieser Schuft lebenslänglich eingesperrt wird!"; der Staatsanwalt brüstet sich auf, im Gerichtssaal enthusiastisch-zustimmende Gesichter. Was man hier in der Elektroabteilung bestaunen kann, ist auf der einen Seite die hohe Bildqualität des angepriesenen "Home-Cinema-Systems" und auf der anderen Seite eine dramatische Inszenierung eines Gerichtsprozesses eines einschlägen, privaten Fernsehkanals - so wie die Zuschauer es mögen. Im Nachmittagsprogramm jagt eine "Gerichtsshow" die nächste - je mehr dabei "die Fetzen fliegen", desto mehr Einschaltquoten. Los, zeig denen, dass du der mächtige Hüter des Gesetzes bist, zeig ihnen, dass du ihnen überlegen bist, keine sachlichen Argumente, die wollen die Zuschauer nicht sehen, denkt sich Timo still und leise voller Abscheu und geht schnell vorbei.
Inmitten des gigantischen Einkaufszentrums findet Timo einen gemütlichen Polstersessel unter einer großen möglicherweise künstlichen Palme, der ihn zum Verweilen einlädt. Wie sich herrausstellt, ist dies ein idealer Platz um das muntere Treiben zu beobachten. Eine Reinigungskraft beschäftigt sich gerade mit der Säuberung des Bodens vor der Cafeteria, als ihr ein Mann, der es scheinbar sehr eilig hat, in die Queere kommt: "Haben Sie denn keine Augen im Kopf? Der Boden ist frisch gewischt.".
Wie war das noch mit dem Sonnenkönig?, schießt es Timo durch den Kopf und Erinnerungen an den Geschichtsunterricht werden wach. "Le terrain, c'est moi!", also frei übersetzt: "Der Boden, das bin ich!".
Warum will jeder ein kleiner Sonnenkönig sein? Timo runzelt nachdenklich die Stirn. Sei es der Schaffner, der den ganzen Tag auf den Fahrgast gewartet hat, der kein Ticket hat, um ihn aus dem Zug zu werfen oder der Schulhausmeister, der demonstrativ sein überdimensionales Schlüsselbund am Gürtel trägt und damit seine grenzenlose (Schlüssel-)Gewalt symbolisiert, eins haben sie gemeinsam: Das bisschen Macht, was sie haben anderen mehr oder weniger freundlich zu zeigen. Warum ist der kleine Junge stolz auf seinen Turm gewesen? Warum will jeder über andere herrschen? Ist das ein angeborener Instinkt?
Timo bleibt noch lange regungslos sitzen, beobachtet die Menschen und grübelt. Jeder von ihnen hat seine Geschichte, denkt er, und jeder sein eigenes kleines Imperium.
Langsam erhebt er sich aus seinem Sessel und schlendert zum Ausgang. Die Dunkelheit ist bereits eingebrochen. Moment mal! Was blitzt ihn da so an? In einem kleinen unscheinbaren Regal stößt Timo auf eine wunderbar kitschige Winterlandschaft in einem halbrunden, durchsichtigen Plastikgefäß. Er kann dem unerklärlichen inneren Verlangen nicht wiederstehen und kauft diesen scheinbar nutzlosen Gegenstand. Als er dann nach Hause trottet, nimmt er seine Errungenschaft aus der Jackentasche, dreht sie verkehrt herum und kurze Zeit später wieder zurück: Wie ein kleines Kind bewundert er mit glänzenden Augen, wie kleine Schneeflocken auf die kleine Welt in seinem Gefäß fallen und er sagt zu sich selbst: "In dieser kleinen Welt darf ich auch einmal Gott sein!"







