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Timo und der Weihnachtsmann

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Das gefürchtete Zentralabitur steht vor der Tür. Was das bedeutet, weiß Frau Hoffmann auch nicht. Das einzige, was sie weiß: Ihre Schüler müssen die Aufgaben, die vom Kultusministerium gestellt werden, eingermaßen erfolgreich lösen, sonst ist sie nachher auch noch dafür verantwortlich.

Timo hat sich in der letzten Tischreihe verkrümelt und genießt in sicherem Abstand das nahe der Tafel von seiner Mathematiklehrerin inszenierte Spektakel.  Noch während sie wild mit einem Zeigestock gestikulierend  Ausführungen und fachkundige Erläuterungen zu Exponentialfunktionen zu ihrem Besten gibt, vernimmt man das Klicken eines Schalters, danach läuft das Gebläse des Tageslichtprojektors gemächlich an und gebündelte 400 Watt lassen eine ganze Schar von Graphen an der Wand des Klassenraumes erscheinen. Nachdem die Lehrerin die Tafel bis in den letzen Winkel mit Ableitungen, Gleichungen und allerlei mathematischen Formeln  verziert hat, triumphiert sie: "Die Funktionsschar hat bei x = k + Pi einen Tiefpunkt!".

"Den hab' ich jetzt auch.", denkt Timo sich, "Allerdings nicht bei irgendeinem x, sondern bei diesem sintflutartigen Informationsstrom von da vorne." Er fragt sich ernsthaft, ob die Erkenntnis, die ihm seine Lehrerin gerade freudestrahlend präsentiert hat später einmal wichtig werden könnte. Wofür braucht man das überhaupt? Für's Abitur? Aber wofür braucht man das Abitur? Für's Studium, ist doch sonnenklar! Oder etwa nicht? Man muss doch studieren, um einen guten Beruf ausüben zu können und Karriere zu machen, das jedenfalls meint Timos Vater. Naturwissenschaftler werden gebraucht, sagt er. Timo weiß nicht, ob er mit dieser Antwort glücklich werden kann: Die Vorstellung, später einmal in einem Forschungslabor zu sitzen und Dinge herauszufinden, die die meisten Menschen sowieso nicht verstehen, sagt ihm nicht gerade zu. Er möchte auch nicht unbedingt Dinge erforschen, die irgendwann einmal zum Unwohl der Menschheit benutzt werden könnten. Aber würde er z.B. als Richter Recht oder gar Unrecht sprechen? Würde er als Politiker seine persönlichen Interessen zurückstecken können? Würde er als Geistlicher anderen Religionen gegenüber offen sein können? Er schiebt die aufkommenden Selbstzweifel erstmal zur Seite und beginnt, wie er es schon öfter getan hat, darüber nachzudenken, ob Macht, Geld, eine hohe gesellschaftliche Stellung oder eine erfolgreiche Karriere glücklich machen können. Wenn das so wäre, glaubt er zu wissen, dann wäre die Welt ungerecht. Eins weiß Timo sicher: Frei machen all diese schönen Dinge jedenfalls nicht, denn sie kommen einher mit moralischen Verpflichtungen und Verantwortung gegenüber anderen und sich selbst, die getragen werden will. Bedeutet demnach weniger Freiheit mehr Glück? Abitur, Studium, Karriere und Beruf hin oder her...Was brauchen wir, um glücklich zu sein, um ein erfülltes Leben zu haben? Hängt Glück von Erfolg ab? Haben überhaupt alle Menschen die gleichen Aussichten und Chancen auf Erfolg oder Glück? Oder steht das alles mit Dingen in Zusammenhang, auf die wir keinen Einfluss haben?

"Timo, Sie haben haben für die Ableitung an der Stelle k auch fünf?", schnarrt Frau Hoffmanns Stimme von vorne. Timo schreckt aus seinem Tagtraum auf: "Ja, fünf, das kann ich bestätigen. Ich bin allerdings schon etwas weiter in der Aufgabe." "Prima, so wünsche ich mir das!", strahlt die Lehrerin. Sie weiß, dass Timo gut ist, denn sein Vater war es auch und er war ihr Lieblingsschüler, als sie ihn vor knapp 2 Jahrzehnten unterrichtete. Timo bekommt eine gute mündliche Note - aber war es eine ehrliche Note? Schließlich hatte er sich nur kurz in der ersten Woche am Anfang des Jahres am Unterrichtsgeschehen beteiligt, denn der erste Eindruck bleibt. Mittlerweile hat er in der hintersten Bank einen wundervollen Platz zum Schlafen, Träumen und philosophieren gefunden. Gerechtigkeit und Chancengleicheit für alle, gibt es die überhaupt? Bei den zentralen Abiturprüfungen? Bei den mündlichen Zensuren von Frau Hoffmann? Im Studium? Im Beruf? Timo weiß nicht, ob es nicht sinnvoller wäre, stattdessen an den Weihnachtsmann zu glauben. Wenigstens kann man sich vorstellen, wie der konkret aussieht. Der Gong löst ihn unsanft von seinen Gedanken. Er packt seine Materialien in den Rucksack und schlendert nach Hause. Bei einem Lebensmittelladen legt er eine kurze Unterbrechung seines Weges ein und kauft sich einen Schokoladen-Weihnachtsmann, der sich offensichtlich bereits Ende Oktober auf die Ladentische der Supermarktkette verirrt hat. Als er ihn genüsslich verzehrt hat und auf das Aluminiumpapier starrt, stellt er fest: "Lieber, guter Weihnachtsmann! Du bist nicht dass, was ich mir vorgestellt und von dir geträumt habe! Was bleibt von dir schon übrig? Nichts! Absolut nichts.". Wütend knüllt Timo das Papier zusammen und wirft es weg. Er schämt sich, denn er selbst war daran beteiligt, den Weihnachtsmann zu dem zu machen, was er geworden ist: Nichts!

 

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