Bus fahren ist ein stressiger Job, besonders in den beliebten Urlaubsorten an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns. Neben der Tatsache, dass die Busse auf der Linie 210 von Ribnitz-Damgarten über Fischland, Darß, Zingst nach Barth in der Saison auf einem Anhänger als besonderen Service die Mitnahme von Fahrrädern anbieten, die der Busfahrer einzeln aufladen und sichern muss, stellen "problematische Fahrgäste" wie Babette und Clemens eine besondere Herausforderung für das Fahrpersonal dar. Die Namen sind natürlich erfunden, die Tatsachen allerdings nicht.
Mittwoch, 16.7., 15.32, Bahnhof Ribnitz-Damgarten West - die Sonne scheint, eine erfrischende, leichte Brise streicht meinem Freund Mario und mir über das Gesicht, perfekte Urlaubsstimmung - wir sind auf dem Weg zu meiner Schwester in Zingst, die am nächsten Tag Geburtstag hat und träumen bereits von den wunderschönen, schneeweißen Bernsteinstränden, als sich ein Gefährt nähert: Die Linie Nr. 210, ein schmucker, komfortabler und klimatisierter Reisebus mit Fahrradanhänger nimmt Kurs auf den Bahnhof. Der Chauffeur hat das Fahrzeug voll im Griff, gefühlvoll schlägt er das Lenkrad ein, peilt mit Adleraugen nocheinmal die Haltebucht, tritt dann dank seiner jahrelangen Fahrerfahrungen genau im richtigen Moment vorsichtig auf die Bremse und sanft kommt der Wagen am Bussteig zum Stillstand - eine vorbildliche, präzise und fast geräuschlose Landung.
Die vordere Tür schwingt elegant zur Seite, wir schaffen es, als zwei der ersten Passagiere an Bord zu klettern und ergattern die heiß begehrten Plätze in der ersten Reihe mit einem herrlichen Ausblick durch die großzügig gestaltete Frontscheibe des Luxusliners. Nachdem der Chauffeur bei der Kontrolle bzw. dem Verkauf der Bordkarten durch geduldige Belehrung eine große Zahl von Passagieren daran hindert, sich mit einem Ticket der Deutschen Bahn AG Zugang zum Fahrzeug zu erschleichen, streift er sich ein Paar Arbeitshandschuhe über und beginnt mit der Verladung und Sicherung der Fahrräder, eine zeitaufwendige Knochenarbeit, die er noch an vielen Haltestellen wiederholen wird.
Nachdem alle Vorkehrungen zur Abfahrt getroffen sind, rollt das Gespann pünktlich um 15.40 aus seiner Parkposition Das boardeigene Unterhaltungsprogramm mit Schlagermusik aus einem lokalen Radiosender versüßt gemeinsam mit anderen Annehmlichkeiten wie z.B. gemütlich weichen, gepolsterten Sitzen die Landschaftsfahrt.Einfach zurücklehnen und entspannen - unser Urlaub beginnt schon an Bord der Verkehrsgemeinschaft Nordvorpommern. Alles scheint perfekt zu sein - doch bald schon wird etwas Unvorstellbares geschehen und die heitere, sorglose Stimmung an Bord der Linie 210 wird von düsteren Ereignissen überschattet werden.
Der vorher strahlend blaue Himmel hat sich zu einer Wolkendecke bezogen, die umherfliegenden Vögel sind nervös geworden und flattern hektisch hin und her, als ob sie sagen wollen: Es liegt etwas in der Luft. Und sie haben nicht ganz unrecht.
Um 16.11 rollt unser Bus in der Haltestelle "Dierhagen Ost" ein, als sich die Türen öffnen, weht ein kühler Windstoß durch durch die Kabine, uns läuft ein kalter Schauer über den Rücken - vor der Tür stehen Babette und Clemens mit ihren Drahtrössern, sie akkurat gekleidet in einer roten Bluse und einer eleganten weißen Stoffhose, er eher schlicht in blauem Hemd mit hochgestelltem Kragen und schwarzer Hose. Bedrohliche Stille - unser Chaffeur blickt erwartungsvoll in Richtung des Pärchens, Blickkontakt herzustellen gelingt ihm nicht, da die beiden ihre Augen hinter dunklen, modischen Sonnenbrillen verstecken. Immer noch Stille. Jede Sekunde erscheint uns wie eine halbe Ewigkeit, bis der Busfahrer, der inzwischen seine Hände gefaltet hat und sich auf dem Lenkrad abstützt, mutig das Schweigen bricht: "Na, was ist? Kommt jetzt hier noch einer bezahlen oder soll ich weiterfahren?" - er ist ein Norddeutscher, wie er im Buche steht: Direkt, aber herzlich. Das Einladen der Fahrräder nimmt viel Zeit in Anspruch und Hilfe kann er von dem versnobbten, solariumbraunen Urlauberpärchen wohl nicht erwarten. Nur wenn er professionell und routiniert arbeitet, kann er es in Stoßzeiten schaffen, seinen Fahrplan einzuhalten.
"So etwas unfreundliches, so kann der sich doch nicht benehmen,", sagt Babette zu ihrem Mann, der zustimmend nickt, "Da müsste man sich mal beim Verkehrsunternehmen beschweren", Mario wird unruhig und flüstert mir mit leiser Stimme zu: "Wenn denen das alles nicht passt, sollen sie doch selbst mal an jeder Haltestelle nach draußen laufen und Fahrräder aufladen und sichern." Babette rümpft ihe Nase, richtet ihre Sonnenbrille und lässt sich in den Sitz fallen, während Clemens nach vorne zum Fahrer geht, der gerade die Türen des abfahrbereiten Busses schließt. "Ich hätte gerne zwei Fahrkarten nach Prerow, mit Fahrrad, bitte.", Clemens versucht betont freundlich zu sein, schlägt aber nach dem Bezahlen bald in einen barschen Tonfall um: "Ach ja und Ihren Namen hätte ich auch noch gerne. Wir werden uns über Sie beschweren." "Nein.", sagt unser Chauffeur selbstbewusst mit lauter Stimme. "Wie heißen Sie bitte?" "Nein!" "Das ist nicht ihr Name. Nennen Sie mir bitte Ihren Namen.""Nein!" - der Busfahrer tritt aufs Gaspedal und steuert das Gespann Richtung Ahrenshoop. Clemens hat aufgegeben und kauert sich erschöpft in den Sitz neben seiner Ehefrau. Nicht gerade begeistert vom Durchhaltevermögen ihres Manes zieht sie ihre letzte Waffe und brüllt nach vorne: "Wir treffen heute abend den Minister!" Keine Antwort. Unser Busfahrer bleibt wie ruhig. Er hat eben alles im Griff: Eins zu null für ihn. Allseits gute Fahrt!
Hast du eine Idee, welchen Minister Babette meinte? Weißt du, was sie mit dem Foto unseres Busfahrers angestellt hat, dass sie mit ihrer Handykamera schoss? Hast du auch schonmal im Bus ein paar "komische Vögel" kennen gelernt - egal ob "arme Schlucker", die glücklich in den Tag leben, oder reiche Snobs wie Babette und Clemens, die sich mit "Schicki-Micki-Look" und einer dicken Geldbörse das Glück kaufen wollen?
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